Dr. Stoltenbergs Expedition zum Fliegenfischen

http://de.wikipedia.org/wiki/Expedition: „Als Expedition urspr. lat. expeditio „Erledigung", „Feldzug") wird die Entdeckungs- oder Forschungsreise in eine entlegene oder unerschlossene Region bezeichnet."

Na das klingt doch nach Abenteuerlust und Pioniergeist. Die packen mich immer, wenn ich an neue Gewässer komme, die ich bisher noch nicht befischt habe. Besonders nötig sind sie auch, wenn man während der Eisheiligen den Besuch plant - und diese auch noch ihres Namens gerecht werden. Drei Tage hatte ich Zeit für die neuen Strecken von Flyfishing Europe, von denen ich vier befischte. Folgen Sie mir einfach quer durch Gebiete, die teilweise den Eindruck machten, als hätten sich seit der Zeit, als man die Gegend noch Suderland und danach Suerland nannte, kaum etwas geändet.

 

Hoppecke

Bonifatius, der vierte Eisheilige, war gnädig und bescherte Temperaturen im niedrigen zweistelligen Bereich. Kurz oberhalb des Ortes Hoppecke fand ich eine Brücke, einen Platz zum Parken und die untere Grenze der mit ca. 12 Kilomentern sehr langen Strecke, die man sicher nicht in einem Tag intensiv und vollständig befischen kann. Schon vorweg, die Strecke ist so interessant und herausfordernd, dass man mindestens ein Wochenende lang Spaß haben kann.

Mit der Fliege an der Hoppecke

An der Brücke steht ein Haus und zwei lästig kläffende Hunde (im eingezäunten Garten) sorgten zumindest bei mir für eine natürliche Schonstrecke, so dass ich erst beim Becken eines Wehrs vom begleitenden Weg ans Ufer glitt. Im weiteren Verlauf ist es nur selten möglich vom Weg ans Wasser zu kommen, zumindest wenn man auf körperliche Unversehrheit und die der teuren Wathose achten möchte. Also unten am Wasser bleiben.

Die erste Forelle an der Nymphe

Eine kleine Bachforelle nahm die unbeschwerte Arthofer direkt an der Oberfläche, für mich das Signal nur noch mit der Trockenen zu fischen. Eine Fliege im Petitjean-Stil, nur aus CDC gebunden, war offensichtlich eine gute Wahl während des gesamten Tages.

Fliegenrettung Ein paar davon sollte man schon dabei haben, denn am immer mehr einem Urwald ähnelndem Bachverlauf warten fliegenfressende Verwandte von Baumbart, einer von Tolkiens Ents. Ein Grund auch, warum die Bachrute, max. 8 Fuß, mit von der Partie sein sollte.

Das Vorfach wähle ich an solchen Bächen immer etwas kürzer als die Rute, dann flutscht es nicht, von der Hauptschnur gezogen, jedes Mal durch die Ringe.

Der anfangs etwas breitere, dafür flache Bach wurde schmaler, wand sich stromauf durch immer mehr Kurven, wobei ständig tiefe Rinnen und Kolke fischverdächtig schimmerten.

Verheißungsvolle Stelle an der Hoppecke

Bewegt man sich nicht äußerst vorsichtig, sieht man einige Schatten wegflitzen und kann seine Rollwurftechnik verbessern, ohne durch lästige Bisse gestört zu werden.

Eine Hoppecke-Forelle wehrt sich nach Kräften Hinter jedem Stein scheint eine Forelle zu stehen, mir gelang es an diesem Tag endlich, einen flotten Dreier zu realisieren. Nicht was Sie meinen: ich fing Regen-,
Bachforellen und Saiblinge. Fische jenseits der 30 cm waren nicht dabei, wobei für mich das Faszinierende an der Hoppecke
nicht etwa die Aussicht auf Trophy-Exemplare ist. In herrlicher, fast immer unberührter Natur und schwierigen Bedingungen Forellen aus der Reserve zu locken, das hat mich total begeistert.

Hier große Fische einzusetzen würde den Charakter des Baches völlig verderben, ein Kardinalfehler! Sicher mag irgendwo auch ein Überraschungsfisch hausen, meine Bemühungen werden allerdings von diesen hinterlistig fast immer ignoriert.

Fliegenpräsentation stromauf

Aus diesem Kolk konnte ich vier Forellen und einen Saibling zaubern, die zornig kämpften; ich war total aus dem Häuschen und habe nicht einen Zentimeter an Länge vermisst. Wunderschöne Fische, die den Eindruck machten, aus natürlichem Nachwuchs zu stammen. Es hat mich sehr beruhigt, dass die Pächterin, Mirjana Pavlic, mir erzählte, dass sie gar nicht daran denkt, hier größere Fische zu besetzen. Das würde den natürlichen Reiz der Hoppecke auch zerstören.

Da freut sich der Fliegenfischer

Es gibt für mich noch viel zu entdecken an diesem Bach, womit ich nicht die im Geäst verlorenen Fliegen meine. Das unauffällige Verhalten am Wasser, die Würfe mit kurzer Leine, oft hat man nur eine Chance auf einen ausgemachten Fisch, die natürliche Präsentation der Fliege in der schnellen Strömung, all dies so anzupassen war eine herrliche Herausforderung für mich. Eine Fischerei, die zumindest für mich Suchtcharakter hat. Seien Sie also gewarnt!

 

Lenne

Die kalte Sophie zeigte mir ihre ebenso temperierte Schulter und sorgte für Regen, der nur manchmal von Hagel unterbrochen wurde, ganz selten trockene Abschnitte. Die Lenne sieht hier am Oberlauf bei Schmallenberg doch anders aus als bei Werdohl, wo meine Söhne mit großen  Äschenschwärmen ihre ersten Fliegenfischer-Erfahrungen machten. Ist ja auch schon ein paar Jährchen her, vor den Kormoranen.

Fliegenfischen an der Lenne

Hier präsentiert sich der Fluss deutlich schmaler, windet sich durch Wiesen und bildet dabei vielversprechende Rinnen und so manchen tiefen Kolk. Ich bekam nur wenige Bisse auf die geliebte Trockene und sattelte angesichts des Wetters auf Nassfliegen und leichte Nymphen um.

Kampf des Fliegenfischers gegen das Geäst Die Fische sind hier durchwegs größer als in der Hoppecke und an vielen Stellen fällt das Werfen etwas leichter - allerdings nicht überall. Eine etwas kürzere Rute reicht völlig aus. Leider trübte das Wasser immer mehr ein, so dass ich trotz aller Bemühungen keine Äsche verführen konnte. Dafür entschädigten aber die Forellen, die sich von den widrigen Umständen nur wenig beeindruckt zeigten.

 

Mit der Nymphe auf Lenne-Forellen

Schon kam der Biss auf die Nymphe eine hübsche Lenne-Forelle

An diesem langgezogenen Pool konnte ich stromauf und anschließend am Einlauf gleich eine ganze Reihe von Bissen provozieren, eine Regenbogen demonstrierte mit mehreren Sprüngen, dass sie davon überhaupt nicht begeistert war. Auch diese Strecke ist eigentlich schon zu lang, um sie an einem Tag zu schaffen, zumindest wenn man intensiv fischt. Bei klarem Wasser kann man Forellen ausmachen und direkt ansprechen. Vom Ufer? Wo steht die Sonne? Wie ist der Strömungsverlauf? Herausforderungen, wie ich sie liebe. Am „Z", zwei höchst interessanten Kurven zu Beginn des letzten Drittels der Strecke, sind genau diese Qualitäten gefragt.

Oft stehen die Forellen dicht am UferHier biss auch die größte Forelle des Tages, ließ die Rolle singen und stieg dann bei der zweiten Flucht aus. Ich bin sicher, an der Lenne warten noch weitere Überraschungen.

 

Hirschberger Bäche

Die Wathose kann man getrost zu Hause lassen, Watstiefel sind ideal, denn sie nehmen einem das Rutschen auf den Knien nicht so übel. Gut, dass ich nach 38 Jahren Ehe bestens darin geübt bin, denn an diesem kleinen Bach ist eine aufrechte, ungedeckte Gangart äußerst kontraproduktiv.

Mit der Fliege an den Hirschberger Bächen Ich brauche sicher nicht zu erwähnen, dass die extra kurze Bachrute und das Fischen stromauf unverzichtbar sind; beim Einstieg am Grillplatz zweifelte ich erst, ob hier überhaupt Fische sind, aber dann war da dieser Schatten im Wasser. Geschickt wie ich bin, war das auch das Einzige, was ich davon noch sah.

Mit jeder Kurve stromauf wurde es uriger, dabei durfte ich im Mai nur den oberen Teil der Strecke befischen, der untere, längere Abschnitt ist erst ab dem 16. Juni zum Fischen freigegeben, und soll noch interessanter sein.

Forellenpirsch an den Hirschberger Bächen

Die Eisheiligen waren vorbei, am Vormittag luden nur noch ein paar vergessliche Gewitter genügend Hagel ab, um die Landschaft weiß werden zu lassen. Dafür entschädigten immer neue interessante Bachabschnitte, die aber bei dem Wetter nur ein paar neugierige kleine Forellen hergaben. Was soll,s, auch die da heraus zu picken machte richtig Spaß, zumal jeder Fisch vorsichtig erarbeitet werden musste.

Die Fliege muss hier mit Bedacht präsentiert werden. Der Reiz dieses Baches liegt in der absolut ursprünglichen Umgebung, die noch intensiver auf mich wirkte als an der Hoppecke. Das Fischen ist schwierig und herausfordernd und jeder Biss eine Überraschung - und ein Sieg. Über die Elemente und sich selbst. Die Hirschberger Bäche vertragen nur einen oder zwei abwechselnd fischende Gäste. Zu zweit hat
das bestimmt auch seinen Reiz, erst mokiert man sich darüber, wie „geschickt" der Freund sich anstellt um anschließend die gleichen Sprüche hören, weil dieser Bach seine Schätze wahrlich nicht verschenkt.

 

Die Teiche bei Sankt Meinolf

Wahrlich ein Kontrastprogramm zu den bisherigen Strecken, da es sich unübersehbar um zwei künstlich angelegte Teiche handelt. Fast überall viel Platz zum Werfen und zum Austoben beim Drill. Für das Toben sind allerdings die großen Forellen und Saiblinge zuständig. Nach den anstrengenden Bächen hier also das Entspannungsprogramm, dachte ich.

Fliegenfischen am Stillwasser

Wobei sich beim Anblick der steigenden Kaliber doch wieder reichlich Adrenalin das Blut in den Adern verdrängte. Gleich vorweg, natürlich sind das Satzfische, allerdings in prächtiger Form und Kondition und vor allem makellos. Man muss diese Fischerei nicht ideal finden, schon gar nicht naturnah, aber wenn man sich darauf einlässt und gezielt fischt, dann macht der Drill der großen Forellen doch richtig Spaß. Ich denke, je weiter die Saison voranschreitet, dürften die Fische immer gewitzter werden und der Fang zunehmend eine echte Herausforderung.

Völlig richtig sind hier Streamer verboten! Die Tiefe von über 2 Metern könnte natürlich schnell zum Einsatz einer beschwerten Nymphe verleiten, zumal da unten mindestens eine äußerst stattliche Seeforelle ihr Unwesen treibt. Der Regen hatte sich bis auf einige Ausnahmen auf Pause geeinigt und ich sah immer wieder einige der kreuzenden Forellen steigen. Am Ufer krabbelte eine Weißdornfliege im Wasser, flugs eine schwarze Parachute in passender Größe an die 18er Schnur, auch wenn mir der Durchmesser erst ein wenig überdimensioniert vorkam. Drill einer kapitalen Forelle an der Fliegenrute

Diese Mindeststärke ist vorgeschrieben und keinesfalls zu dick. Jedenfalls sah ich eine schöne Forelle, legte die Fliege auf deren Kurs, was sie aber nicht weiter beeindruckte. Ein weiterer Wurf auf Verdacht und aus der Tiefe stieg eine Rainbow und nahm mein Muster bedenkenlos. Bei dem, was nun folgte, hatte eher ich Bedenken, ob mein recht langes, stillwassergerechtes Vorfach den Fluchten und Sprüngen Stand halten würde. Tat es zum Glück.

Starke Regenbogenforelle auf Fliege

Beim Nymphenfischen und angesichts der noch größeren anderen Exemplare würde ich auch ein 20er Vorfach für durchaus angebracht halten. Mein Tipp, um auch die Teiche zum Vergnügen werden zu lassen: Lassen Sie die Nymphen in der Box und fischen Sie trocken!

 

Fazit

Auch wenn ich noch nicht alle Strecken komplett kennengerlernt habe, gerade Hoppecke, Lenne und Hirschberger Bäche sind eine Bereicherung im üblichen Angebot der Gaststrecken. Vor allem hat man die Möglichkeit, an den naturbelassenen Strecken auf einen nahezu natürlichen Fischbestand zu fischen. Wer sich an der Fliegenfischerei berauschen kann - statt an einem vollen Korb - und gern mit List und Tücke seine Leidenschaft betreibt, der ist hier goldrichtig! Mit einer dieser Situation angepassten Bewirtschaftung und Befischung dürfte dem naturbewussten Gast auf Dauer eine befriedigende Fischerei von hoher Qualität zur Verfügung stehen.


Dr. Wolfgang Stoltenberg