Im grünen Tunnel

von Mirjana Pavlic

 

Es ist der zweite richtige Sommertag in diesem Jahr, als ich auf dem Parkplatz an der Hoppecke in meine Wathose steige. Die Sonne steht im Zenit und lacht. Sie lacht so hell wie schon viele Wochen nicht mehr. Und ich glaube, sie lacht auch ein klein wenig gemein, weil sie weiß, dass sie mich in den nächsten Stunden gehörig ins Schwitzen bringen wird. Trotzdem beschließe ich, die Wathose nicht gegen Stiefel zu tauschen, schnappe meine kleine 3-er WINSTON WT Fliegenrute und stapfe los. Der Bach ist nicht zu sehen. Ein dunkler Urwald aus Fichten, uralten Erlen, Bombeeren, Nesseln und allerlei anderem Unterholz hat den Bachlauf überwuchert, verbirgt die Hoppecke wie ein träumendes Dornröschen. Nur ein leises Murmeln verrät, dass dort irgendwo hinter dem undurchdringlichen Grün klares, schnelles Wasser fließt. „Ob Dornröschen wohl geschnarcht hat?" denke ich und suche nach einer Lücke in der Vegetation, durch die ich den Forellen näher kommen könnte.

Mirjana Pavlic präsentiert eine Trockenfliege an der Hoppecke

Ich entscheide mich schließlich für die Methode „Bulldozer" und arbeite mich mit hoch gehaltener Fliegenrute durch einen mannshohen Gürtel aus Brennesseln, kämpfe mich geduckt durch die hundert hageren Fangarme eines verdorrt am Boden liegenden Baums und klettere, meine Schritte sorgsam planend, über moosgepolsterte Steine ins plätschernde Nass hinunter. Geschafft, ich stehe in der Hoppecke, deren glasklares Wasser um meine Watschuhe herumgurgelt. Ich schaue stromab, ich schaue stromauf. In beide Richtungen kann ich nur etwa 20 Meter des Bachlaufes sehen, dann entzieht sich die Hoppecke meinem Blick, verschwindet einfach hinter einer Kurve auf der einen und zwischen gewaltigen Petasitesblättern auf der anderen Seite. Wo die Strahlen der Mittagssonne einen Weg durch den Urwald finden, lassen sie die Hoppecke in sanftem Gold schimmern während die übrigen Wasserflächen das dunkle Grün der Bäume und Blätter widerspiegeln. Forellen sind keine zu sehen. Wie soll ich vorgehen? Womit soll ich fischen? Obwohl keine Steigringe zu sehen sind, entscheide ich mich für eine Trockenfliege und knote eine 16-er Elk Hair Caddis an meine 0,12-er Vorfachspitze. Schnell noch ein wenig Dave's Bug Flote auf die Fliege getupft, damit sie in dem schnellen Wasser auch nach vielen Rollwürfen noch schwimmt und dann wate ich langsam und leise gegen die Strömung. Erstaunliche Wassermengen drücken durch das Bett des kleinen Baches. Erstaunlich tief sind die Löcher, in die meine bewatschuhten Füße treten. Erstaunlich viele, kleine dunkle Schatten flitzen davon, aufgeschreckt von einer Fliegenfischerin, die sich noch viel vorsichtiger bewegen sollte.

Mirjana Pavlic drillt eine Forelle an der Hoppecke

Als ich die erste tiefere Rinne vor mir habe, lasse ich die Trockenfliege erst mal dicht am Ufer entlang treiben. Steigring, Anhieb, nichts. Neuer Wurf. Die Fliege macht nur kurze Driften, die Forellen haben wenig Zeit für eine Entscheidung, wieder schnappt eine zu. Nach kurzem Drill liegt eine goldgelbe Bachforelle auf meiner Hand. Ich kann es kaum glauben, wie schön dieser Fisch ist. Weiße Flossensäume zieren seine Brust-, Bauch- und Afterflosse. Leuchtend orange ist der Saum an der Schwanzflosse und der Fettflosse. Rote Tupfen mit hellblauen Umrandungen prangen zwischen den schwarzen Punkten auf den Flanken der Forelle. Groß ist sie nicht, aber schön wie ein Juwel. Nein, noch viel schöner.

Wunderschöne Bachforelle aus der Hoppecke nahm die Trockenfliege

Während ich von Rinne zu Rinne, von Gumpen zu Gumpen, von Kurve zu Kurve stromauf wandere, fange ich sechs weitere Exemplare dieser traumhaft gezeichneten, absolut wilden Bachforellen. Eine weitaus größere Zahl bleibt nicht an der Fliege hängen, weil ich zu schnell oder zu langsam anschlage. Und eine noch größere Zahl bleibt für mich unfangbar, weil sie mich schon lange bevor meine Fliege in ihr Sichtfeld kommt gesehen haben und wie geölte Blitze davonschießen.

Weiter und immer weiter wandere ich durch das sich ständig ändernde Bachbett. Überall sind tiefe Taschen, in denen Fische wohnen. Tiefer und tiefer dringe ich in eine märchenhaft anmutende Welt ein. Nein, ich dringe nicht in sie ein, vielmehr saugt mich diese Märchenwelt auf. So fantastisch ist das Farbenspiel von Gegenlicht und Schatten, dass ich kaum erwarten kann, welche Märchenkulisse wohl hinter der nächsten Kurve verborgen ist

Die Bachforellen der Hoppecke sind traumhaft schön gezeichnet

Die Blätter der üppig wuchernden Pestwurz sind so gewaltig, so hoch, dass sie an vielen Stellen über meinen Kopf hinausragen. Dachte ich anfangs noch an Dornröschen, komme ich mir nun vor wie in Gullivers Reisen. Geschrumpft auf Zwergengröße wandere ich durch den „Rhabarbergarten" eines Riesen. Kaum habe ich diesen Gedanken gedacht, verschwindet auch schon meine Trockenfliege wieder in einem Steigring und unerwartet heftiger Zug an der leichten 3-er Winston Fliegenrute weckt mich aus meinen Träumereien. Laut platschend springt ein Fisch vor mir aus dem Wasser, flitzt stromauf, schlägt einen Haken, zieht auf einen versunkenen Ast zu, springt wieder. Ein zartrotes Flimmern unter Wasser verrät mir, dass ich eine Regenbogenforelle drille. Und was für eine. Obwohl sie die Dreißigzentimetermarke überschreitet, zieren immer noch zartviolette ovale Jugendflecken ihre Flanken. So sehen die autochthonen Regenbogenforellen der Hoppecke aus. Keine Besatzfische etwa, sondern hier heimisch gewordene und sich reproduzierende Regenbogenforellen. Ich bin begeistert.

Mirjana Pavlic drillt Regenbogenforelle an der Hoppecke im Sauerland

Typische Regenbogenforelle für die Hoppecke

Als sich die Begeisterung legt und ich wieder Wurf um Wurf weiterfische, wird mir bewusst, dass ich fast traumwandlerisch durch den Bach gehe und vor mich hinfische. Nur hier und da muss ich mal über einen umgestürzten Baum klettern oder den Bach verlassen, um ein paar Meter entlang des Ufers einen Gumpen zu umgehen, der so tief ist, dass meine Wathose möglicherweise zu kurz für eine Durchquerung wäre. Und mir fällt auf, dass ich fast genau so viele „normale" Würfe mache wie Rollwürfe. Mit der kurzen Bachrute und entsprechender Vorsicht kann man in dem grünen Tunnel wunderbar werfen und nur selten verfängt sich die Fliege an einem Ast.

Mirjana Pavlic mit einer weiteren Regenbogenforelle aus der Hoppecke

Mit dem nächsten Wurf lasse ich meine Caddis ganz sanft in der kreiselnden Rückströmung einer tiefen Tasche am gegenüberliegenden Ufer landen und schon verschwindet sie in einem Trichter, der sich mit einem lauten Schmatzgeräusch im glitzernden Wasser öffnet. Als er sich schließt, hebe ich die Rute an und schließe Bekanntschaft mit einer stattlichen Bachforelle, die meiner zarten WINSTON WT so richtig zeigen will, was sie kann. Mein Herz klopft bis zum Hals, das Rütchen biegt sich bedenklich, der Fisch stellt sich in der Strömung quer. Schließlich folgt er meinem sanften Zug vor meine Füße und lässt sich auf ein kurzes Rendezvous außerhalb des Wassers ein. Ich löse die widerhakenlose Fliege und verabschiede mich überglücklich von einem Fisch, wie man ihn sich schöner nicht vorstellen kann.

Rotgetupfter Wildfisch aus der Hoppecke

Mittlerweile steht die Sonne schon tief, der Abend bricht an als mir wieder etwas bewusst wird, das ich in meiner Konzentration auf die Fischerei nicht wahrgenommen hatte. In dem schattigen, grünen Urwaldtunnel hatte ich trotz der Tageshitze, Wathose und recht anstrengendem körperlichen Einsatz überhaupt nicht geschwitzt. Jetzt stehe ich auf der Brücke oberhalb der Fischtreppe und beobachte die Fische in dem einzigen verbauten und begradigten Teil unserer Hoppecke-Strecke. Fleißig sammeln sie Nymphen ein, pendeln in der gleichmäßig schnellen Strömung, schießen mal einen halben Meter nach links, mal ein paar Zentimeter nach rechts, zweifellos haben sie einen guten Appetit. Mein erster Wurf lässt eine große Bachforelle an das Dach ihrer Welt aufsteigen, ihr Maul durch den Wasserspiegel stupsen... Anhieb. Was für ein Spektakel. Zwei Sprünge, Flucht stromauf, noch ein Sprung. Die WT krumm wie ein Flitzebogen. Im diffusen Licht der Abenddämmerung bewundere ich einen großen Hoppeckefisch, fast vierzig Zentimeter lang und genau so wunderschön wie die kleineren Bachforellen, die ich vorher gefangen hatte. Zehn Minuten später drille ich eine Regenbogenforelle, die noch etwas größer ist.

Forelle im Drill an Mirjana Pavlic Winston WT Fliegenrute

Diese traumhaft schöne Bachforelle fing Mirjana Pavlic kurz vor Einbruch der Dunkelheit.

Und kurz bevor das letzte Tageslicht hinter der Bergkulisse des Sauerlands abtaucht, fange ich den größten Fisch des Tages. Einen farbenprächtigen, starken Saibling.

Mirjana Pavlic mit guter Regenbogenforelle aus der Hoppecke, gefangen mit einer Elk Hair Caddis

Auf der Heimfahrt lasse ich diesen herrlichen Angeltag noch einmal Revue passieren. Wie viele Fische in diesem kleinen Gewässer leben. Wie traumhaft und wie andersartig die Landschaft ist, in der man an der Hoppecke fischt. Wie anspruchsvoll die Fischerei ist, mit hohen Anforderungen an Taktik und Wurfpräzision und doch machbar, trotz des zunächst undurchdringlich erscheinenden Urwalds rings herum. Wie herrlich es ist, wilde Fische in einem nahezu unberührten Gewässer fangen zu können.

Mirjana Pavlic mit herrlichem Saibling

Ich werde alles dafür tun, diese Schatztruhe mit den springlebendigen Juwelen darin genau so zu erhalten. Für all jene Fliegenfischer, die den Unterschied zwischen wilden und besetzten Fischen kennen und schätzen. Und natürlich für mich, denn ich freue mich schon jetzt auf meinen nächsten Fliegenfischertag an der Hoppecke.

Ihre Mirjana Pavlic