Sommer an der Lenne

Von Mirjana Pavlic

 

Während der Woche zwei Tage frei zu nehmen und fischen zu gehen, ist für mich der pure Luxus. Deshalb schaffe ich auch heute nicht rechtzeitig den Absprung und kümmere mich entgegen meinem ursprünglichen Heute-will-ich-früh-ans-Wasser-Plan doch noch um dies und das, bevor ich es endlich schaffe, gegen zwölf den Laden zu verlassen. Die Kiste mit dem Wat- und Angelzeug steht noch von meinem gestrigen Ausflug an die Hoppecke einsatzbereit im Kofferraum meines Autos, sogar eine Fliege ist noch am Vorfach. Ich werde also sofort loslegen können, wenn ich am Wasser ankomme. So kurve ich über die Landstraßen in Richtung Schmallenberg und vertreibe mit schönen Gedanken an die bevorstehende Fischerei das schlechte Gewissen, das ich immer habe, wenn ich mir eine Auszeit von der Arbeit in unserem Fliegenfischergeschäft nehme.

Schlanker Saibling aus der Lennestrecke von Flyfishing Europe

Kurz vor eins bugsiere ich mein Auto in die letzte freie und ein wenig zu klein geratene Parklücke auf dem Parkplatz gegenüber des Hotels Deimann. „Hoffentlich guckt jetzt keiner," denke ich, als ich in Windeseile in meine Simms Wathose schlüpfe. Nö, alles gut gegangen. Schnell noch einen Blick auf die Trockenfliege und das Vorfach vom gestrigen Tag geworfen, alles sieht noch gut aus, und schon geht es mit flotten Schritten ans Wasser. Ich beginne mit ein paar Würfen vom Ufer aus, lasse die Fliege über einen tiefen Kolk treiben und sehe sie in einem eindrucksvollen Ring verschwinden. Hoppla, denke ich, das geht ja gut los. Eine große Bachforelle wälzt sich dreimal an der Oberfläche und taucht dann zielstrebig zum Grund des Kolks. Da bleibt sie stehen und schüttelt mit dem Kopf. Eine gute Minute später mache ich das Gleiche, denn die Forelle hat die Fliege einfach wieder ausgespuckt.

Mirjana Pavlic beim Fliegenfischen am Wehr

Das Wasser der Lenne präsentiert sich nach den Regenfällen der letzten Wochen etwas höher als normal und es ist noch leicht „angestaubt". Ob es nur Zufall war, dass ich bei diesen Verhältnissen einen Biss auf die Trockene bekommen habe? Während ich der Lenne stromab folge, gebe ich meiner Elk Hair Caddis noch eine zweite Chance und tatsächlich wird sie nur wenige Meter vor der alten Holzbrücke von einem Fisch vehement attackiert. Es ist ein schlanker Saibling, der nach kurzem Drill wieder in sein Element zurück darf.

Mirjana Pavlic mit kräftigem Saibling aus der Lenne

Auf den nächsten hundert Metern der Strecke kann ich niemanden mehr mit der Trockenfliege begeistern und auch in dem schäumenden Wehrgumpen kann ich keinen Fisch zum Steigen überreden. Also knüpfe ich eine dunkelgrüne Nymphe mit einem verlockend funkelnden grünen Tungstenköpfchen mit Facettenschliff ans Vorfach und lasse sie durch den Gumpen torkeln. Mit reichlich nachgefütterter Schnur und hoch erhobener Rutenspitze bringe ich meine Nymphe bis auf den Grund, lasse sie über die Steine hopsen und schließlich am Ende der Drift aufsteigen. Da zuckt das Ende der Flugschnur ein paar Zentimeter zur Seite und mein schneller Anhieb verankert den Haken in etwas, das eindeutig in die andere Richtung will. Heftige Gegenwehr lässt mich auf einen weiteren Fisch größeren Kalibers hoffen. Er zieht ans gegenüberliegende Ufer und will sich dort im überspülten Wurzelwerk verstecken. Also stapfe ich über das Wehr, klettere zu meinem Fisch hinunter und schaffe es, ihn mit moderatem seitlichen Druck aus den Wurzeln hervor zu ziehen. Wieder ist es ein Saibling, und zwar in bester Kondition. Kräftig und hochrückig ist dieser herrlich gezeichnete Fisch.

Mirjana Pavlic fischt mit der Trockenfliege an einer flachen Lennepartie

Weiter stromab, wo die Lenne etwas breiter und flacher wird, tausche ich die Nymphe wieder gegen eine Trockenfliege. Diesmal probiere ich eine Adams, die ich gut gefettet über die Rinnen und Taschen driften lasse. Ein paar kleine Forellen zeigen Interesse, sind aber offenbar zu klein, um das Muster auf 14-er Haken richtig zu fassen zu bekommen. Doch dann verschwindet meine Adams in einem Maul ausreichender Größe, das einer hübschen Bachforelle gehört.

Eine Bachforelle nahm die Adams Trockenfliege

Eine wunderschöne Bachforelle aus der Lenne

Der nächste Fisch trägt einen rosa Zierstreifen auf der Seite und ist noch etwas größer. Schon an der spektakulären Sprungserie erkenne ich, dass ich eine Regenbognerin erwischt habe. Sie kämpft tapfer, aber ich bleibe am Ende Sieger und darf mich über einen herrlichen Fisch in bester Verfassung freuen. Perfekt proportioniert, blitzeblank, mit traumhaft schönen Flossen - so muss eine Regenbogenforelle aussehen. Es dauert eine Weile und wohl um die dreißig Würfe, bis das Lächeln in meinem Gesicht etwas an Breite verliert. Was für ein schöner Tag. Seit kaum zwei Stunden bin ich am Wasser und alle Gedanken an Arbeit und Alltag haben sich in Nichts aufgelöst.

Schon wieder ist eine schöne Forelle auf Mirjanas Trockenfliege hereingefallen

Mirjana Pavlic mit einer blitzeblanken Regenbogenforelle

Wieder nahm eine Forelle Mirjanas Trockenfliege

Forelle kurz vor der Landung

Mirjana Pavlic feut sich über eine herrliche Regenbogenforelle aus der Lenne

 

Nach einer weiteren kurzweiligen Stunde in Gesellschaft steigfreudiger Bach- und Regenbogenforellen kurbele ich die Schnur auf die Rolle und wandere mit einem Gefühl tiefer Zufriedenheit über die Kuhweide zurück zu meinem Auto. Ich will noch ein paar Würfe an der Stelle machen, wo ich die große Bachforelle verloren habe... wer weiß?... und dann an die untere Grenze unserer Lennestrecke fahren, um dort die Abendstunden zu verbringen. „Eine Trockenfliege wird die große Fario heute bestimmt nicht mehr nehmen," denke ich. Ob ich es mit einer beschwerten Nymphe versuchen soll? Nein, es muss etwas ganz anderes ans Vorfach und aus einem versteckten Winkel meiner Fliegendose fummele ich einen ziemlich großen Jig heraus. Nicht die feine englische Art, aber wenn man einen schon mal verprellten Fisch nochmals überlisten will, darf man auch mal ein Experiment machen, oder? Ich drücke den Widerhaken an, schlenze Flugschnur samt eingekürztem Vorfach und der schweren Fliege durch die Luft und lasse meine „Geheimwaffe" in das schnelle Weißwasser am Kopf des Pools plumpsen. Ich kann fast fühlen, wie die Fliege auf Tauchfahrt geht, in die tiefsten Tiefen des Pools. Und dann fühle ich tatsächlich etwas, nämlich einen richtigen Schlag in der Rutenspitze. Sollte mein Plan wirklich funktioniert haben? Ist das die große Bachforelle?

Diese Saibling schnappte Mirjana Pavlic Jig

Der Fisch kämpft äußert stark, aber sein Verhalten ist alles andere als bachforellentypisch. Während ich meinen Gegner aus der starken Strömung ins ruhige Wasser bugsiere, versuche ich, ihn durch die kräuselige Wasseroberfläche zu erkennen. Noch ist er zu tief, verborgen unter der Strömung und dem Schattenwurf der Bäume. Und dann sehe einen orangefarbenen Schimmer. Was mag das für ein Fisch sein? Der Schimmer wird zu einem orangenen Leuchten. Mir stockt der Atem als ich erkenne, was ich da an der Fliege habe. Einen Saibling mit einer schier unglaublichen Farbenpracht. Um solch einen Fisch zu fangen, muss man normalerweise eine Weltreise machen. Und ich erlebe das hier im Sauerland.

Mirjana Pavlic mit einem fantastisch gezeichneten Saibling

Nach diesem Erlebnis muss ich erst mal eine kurze Pause einlegen und abwarten bis die Reizüberflutung ein wenig abgeklungen ist. Ich setze mich ans Lenneufer und genieße die warme Sommerluft, die Vogelstimmen, den Geruch der Wiese und lasse meine Seele vom Anblick des rauschenden und glitzernden Wassers streicheln. Noch einen Wurf will ich an dieser Stelle wagen, doch dazu kommt es nicht mehr. Irgendjemand hat flussaufwärts eine Wiese gemäht, jetzt treibt tonnenweise Gras im Wasser. An ein Weiterfischen ist nicht mehr zu denken. Aber den Angeltag abbrechen will ich auf keinen Fall, habe ich mich doch so lange auf meine beiden „Auszeit-Tage" gefreut. Was kann ich tun?

traumhaft schöner Saibling und eine glückliche Fliegenfischerin

Da fällt mir ein, dass es ja nur ein Katzensprung zur Latrop ist, die hier in der Nähe in die Lenne mündet. Schnell ist die Fliegenrute im Kofferraum und ich hinter dem Lenkrad. Ein paar Minuten später parke ich auch schon neben dem kleinen Wirtschaftsweg mitten im Fichtenwald und nach einer weiteren Viertelstunde habe ich bereits drei wunderhübsche wilde Bachforellen mit der 16-er Trockenfliege aus ihren Unterständen gekitzelt. Das Wasser der Latrop ist glasklar, strömt mal mit großem Druck durch schmale und mehr als metertiefe Passagen, dann weitet sich das Bachbett immer wieder und formt breite Kolke mit gemächlicher Fließgeschwindigkeit. Und überall, wirklich überall stehen kleine bis mittelgroße wilde Bachforellen.

An der Latrop ist jeder Wurf eine Herausforderung an das Können des Fliegenfischers

Ich gerate in einen fast schon rauschähnlichen Zustand, werfe die Fliege hier und da hin, fiebere dem nächsten Steigring entgegen. Bis in den Abend hinein halten mich die Latropforellen beschäftigt und schließlich endet mein zweiter Auszeit-Tag, weil es so dunkel geworden ist, dass ich meine Fliege nicht mehr erkennen kann.

Bachforelle aus der Latrop

Mirjana Pavlic mit einer wilden Bachforelle aus der Latrop im Sauerland

Die Lenne hat mich heute mit offenen Armen empfangen, mit einer Fischerei, die auch bei nicht ganz optimalen Wasserverhältnissen so gut war, wie ich es bisher von der Lenne gewöhnt bin. Und die kleine, versteckte Latrop war viel mehr als nur ein Trostpflaster. Dankbar, erschöpft und glücklich geht es nach Hause. Besser kann ein Tag am Wasser nicht sein.

Ihre Mirjana Pavlic