Fliegenruten-Praxistest: WINSTON WT 663-4

von Mirjana Pavlic

 

Seit wir an unseren Pachtstrecken die Möglichkeit haben, an kleinen, naturbelassenen und stark verwachsenen Gewässern scheue, wilde Bachforellen zu „jagen", begeistert uns diese unglaublich spannende und herausfordernde Pirschfischerei mehr und mehr. Es steht außer Zweifel, dass man ohne eine Fliegenrute, die den äußerst speziellen Situationen und Bedingungen gerecht wird, an solchen heiklen Gewässern auf verlorenem Posten steht. Aus diesem Grund haben wir in den letzten Monaten unser Fliegenrutenprogramm um sorgsam selektierte, kurze Bachruten erweitert. Der jüngste Zugang in unserer Abteilung für die „Indianerfischerei" ist die WT 663-4 von WINSTON, auf die ich extrem gespannt war und es kaum erwarten konnte, sie am Wasser auszuprobieren.


Das schöne Wetter der letzten Woche lockte mich aus dem Büro hinaus in die Natur, wo ich nicht nur meine Seele nach vielen arbeitsreichen Tagen vom klaren Wasser der Hirschberger Bäche ein wenig kühlen lassen, sondern auch endlich eine der frisch eingetroffenen WINSTON WT Fliegenruten testen wollte. Mit wahrhaft leichter Minimalausrüstung, bestehend aus Watstiefeln, ein paar Trockenfliegen und Nymphen in einer kleinen Fliegendose und der kleinen WINSTON Fliegenrute stapfte ich durch die bunten, wunderbar duftenden, ungemähten Wiesen auf den dichten Wald zu, durch den sich der kleine, urige Bach schlängelt.

Mirjana Pavlic Kletterpartie am Forellenbach

Schon bei den ersten Schritten, die mich in den dichten Urwald aus umgestürzten Bäumen und wild wucherndem Unterholz am Bachufer führten, lernte ich das kleine Fliegenrütchen zu schätzen. Mit einer Fliegenrute der „üblichen" Länge von 9 Fuß (2,75m) wäre es eine Tortur, hier herumzulaufen. Ich musste mich unter tief herabhängende Ästen ducken, über von Kyrill gefällte Bäume klettern und blieb bei dieser Kraxelei mit der 6‘6" (1,98m) kurzen WINSTON Rute nicht einmal irgendwo hängen. Sie passt einfach durch alle Lücken im Geäst und zwischen den Bäumen, durch die ich auch hindurch passe.

Wurfpräzision zwischen Baum und Strauch beim Fliegenfischen an kleinen verwachsenen Bächen

An einer gleichmäßig und ruhig durch einen „grünen Tunnel" fließenden Partie knotete ich eine 16er Irresistible an mein 7,5 Fuß langes Vorfach, kletterte über Felsen und Baumwurzeln ins Bachbett hinunter und postierte mich geduckt in der Deckung eines gewaltigen Baumstammes. Mit flachen Leerwürfen verlängerte ich die Schnur und ließ meine Trockenfliege wie eine kleine Schneeflocke auf dem Wasser landen. Zunächst fischte ich das tief unterspülte Ufer auf meiner Uferseite ab, verlängerte die Schnur bei jedem Wurf um einen knappen Meter. Bei der vierten Drift schnappte eine winzige Bachforelle nach der Fliege. Ich schlug nicht an. Dann tastete ich die Bachmitte wieder mit Wurf um Wurf verlängerter Schnur ab und schließlich versuchte ich mein Glück, indem ich meine Fliege dicht am gegenüberliegenden Ufer ablegte und entlang der tief ins Wasser hineinragenden Baumwurzeln treiben ließ. Schon nach wenigen Minuten hatte ich die Bäume und Äste um mich herum völlig vergessen. Mit der herrlich leichten, kurzen 3-er WINSTON WT Fliegenrute konnte ich in diesem komplett überwachsenen Gewässerabschnitt so problemlos werfen wie auf einer offenen Wiese. Die Schnurschlaufen liefen eng und präzise beim Rück- und Vorschwung durch den mich und den Bach umgebenden grünen Tunnel.

Rutentest beim Fliegenfischen am Wehrgumpen

Ein Stück weiter stromauf pirschte ich mich an einen tiefen Wehrgumpen heran. Die Trockenfliege lockte auch hier immer noch niemanden aus der Reserve, also beschloss ich, eine Nymphe ans Vorfach zu knoten. Und weil der Wehrgumpen mehr als eineinhalb Meter tief ist, nahm ich ein mit einem kleinen Tungstenkopf beschwertes Muster auf Hakengröße 14. Das recht hohe Gewicht am Ende meines Vorfaches beeindruckte die 3-er WINSTON WT nicht im Geringsten und ich war überrascht, wie problemlos das leichte Rütchen meine Nymphe mit der schlank profilierten Gary Lafontaine Fliegenschnur transportierte. Dann zuckte das Ende der Flugschnur für einen winzigen Moment nach vorne, ich hob die Rute an und freute mich über zappelnden Widerstand am anderen Ende. Eine herrlich gezeichnete Bachforelle, wohl um die 27 cm lang, lag bald darauf in meiner Hand. Wunderschöne weiße Flossensäume an der Bauch- und Afterflosse, rote Punkte auf den Flanken, ein oranger Schimmer auf der Fettflosse. Ein wilder Fisch, in diesem Bach aus dem Ei geschlüpft vor vielen Jahren. Glücklich ließ ich das bunte Kerlchen wieder schwimmen.

Die Winston WT zeichnet sich durch exzellente Drilleigenschaften aus

Gut hundert Meter weiter wuchert Farn am Bachufer, ragt über das Wasser. Unter dem Dach aus Farnblättern gurgelt der Bach über eine tief ausgespülte Rinne, die sich weit in das Prallufer hineingefressen hat. Hier stehen die Forellen unter dem Ufer, die Fliege muss unter und zwischen den Farnbüschen abgelegt werden. Und das ganze mit Rollwürfen, denn ein Holunderbusch-Dickicht hinter mir ließ keinen Rückschwung zu. Auch diese Kür absolvierte die feine WT mit Bestnoten und zauberte eine weitere wilde Fario aus dem Bach.


Nach einer guten Stunde hatte ich mich so in der Fischerei verloren, dass ich überhaupt nicht mehr ans Rutentesten dachte. Ich war eins mit der Natur der Hirschberger Bäche, die mich immer mehr in ihren Bann schlug. Ich kletterte über bemooste, quer über dem Bachlauf ruhende, vom Sturm gefällte Fichten, schlich durch sattgrüne Königsfarn-Urwälder. Hauchte eine Trockenfliege in das gluckernde Wasser am Kopf eines metertiefen, dunklen Gumpens. Ließ eine Nymphe in eine Lücke zwischen dem verrottenden Totholz plumpsen, gebannt beobachtend, wie sie mit der Strömung auf mich zutreibend tiefer und tiefer sank. Setzte wie elektrisiert einen behutsamen Anhieb, als eine Forellenflanke dort aufblitzte, wo meine Nymphe jetzt sein musste, und fühlte die Kraft eines erstaunlich starken Fisches. Eine der uralten Bachforellen hatte meine Nymphe genommen und sauste jetzt in dem Gumpen hin und her, sprang... ich schätzte sie auf gut über vierzig Zentimeter. Doch schon hatte sie sich losgeschüttelt und ließ mich mit nach unten hängenden Mundwinkeln und meiner „Testrute" ein wenig enttäuscht am Ufer stehen...

Mirjana Pavlic mit einer wunderschönen, wilden Bachforelle

Obwohl ich den besten Fisch dieses spannenden Nachmittags verloren hatte, kehrte auf dem Rückweg zum Auto schnell wieder mein Lächeln zurück. Denn mit der neuen WINSTON WT konnte ich mehr als zufrieden sein. Für mich ist eine Fliegenrute nämlich immer dann eine sehr gute Fliegenrute, wenn sie beim Fischen völlig in Vergessenheit gerät. Wenn sie einfach alles das tut, was sie tun soll. Wenn sie mir erlaubt, mich voll und ganz aufs Fischen zu konzentrieren. Und genau das hatte ich mit der WT erlebt.

FAZIT

Kombiniert mit einer Gary LaFontaine Trockenschnur aus dem TEENY Programm in Klasse drei funktioniert die WINSTON WT 663-4 perfekt. Sie lädt mit kürzester Schnur aus der sensiblen Spitze und lässt die Flugschnur in bezaubernd grazilen Schlaufen durch die Luft schweben. Ihre ausgewogene Aktion mit genau der richtigen Kraft im Mittel- und Handteil erlaubt präzise Rollwürfe selbst mit kleinen beschwerten Nymphen. Besonders angenehm fiel mir auf, dass man mit dem kleinen Rütchen ohne jegliche Zugunterstützung durch die Schnurhand werfen kann, auch wenn mal etwas mehr Leine ausgelegt werden soll. Der Anhieb kommt auch auf ordentliche Distanz bis zur Fliege durch und im Drill federt die extrem elastische WT die blitzschnellen Fluchten, Richtungswechsel und Sprünge der Fische souverän ab. Gerade in kleinen Gewässern mit vielen Hindernissen ist dies besonders wichtig, denn der Weg des Fisches zur nächsten Wurzel oder zum nächsten Ast ist hier kurz und, will man ihn nicht im versunkenen Geäst verlieren, muss man seine Kapriolen trotzt eines feinen Vorfachs schnell und konsequent unterbinden. All das meistert die WINSTON WT mit Bravour.

Winston WT Fliegenrute Klasse 3 mit Zapfenverbindung Winston WT Fliegenrute Klasse 3 Ringwicklung und Lackierung

 

Wie ich es von WINSTON kenne und erwarte, ist die in sattem Dunkelgrün schimmernde Rute perfekt verarbeitet mit sauberen Ringwicklungen und Lackierungen, einem exakt schließenden und die Rolle sicher haltenden Schraubrollenhalter mit edlen Nickelsilberbeschlägen und einer wunderschön gemaserten, hellen Wurzelholzeinlage. Die ultraleichten, hartverchromten Schlangenringe sind perfekt dimensioniert. Und der Griff aus allerbestem, fein geschliffenem Kork in AAA-Qualität schmeichelt dem Auge und der Hand des Fliegenfischers.

WINSTON WT 663-4 Rollenhalter mit Wurzelholzeinlage

Ja, diese Rute kann und will ich Ihnen aus ganzem Herzen empfehlen. Und ich werde sie auch weiterhin als eine meiner Favoriten mit an die kleinen, verzauberten Bäche nehmen, deren wilde Forellen mir so viel Freude bereiten.

Ihre Mirjana Pavlic

 

Hier finden Sie diese Fliegenrute in unserem Online-Shop