Salz im Blut - Portrait eines Salzwasser-Fliegenfischers

Von Mirjana Pavlic

 

Ein Hauch von Dieselabgasen ärgerte den frischen Geruch der klaren Seeluft. Wir saßen zwischen einer Berglandschaft aus Reisetaschen und Rutenrohren, die sich zwischen den Sitzen in der Kabine des Speed-Bootes auftürmte, erfrischten uns mit Cola und Mineralwasser aus den mit Eiswürfeln gefüllten Kühlboxen und plapperten aufgeregt über die zu erwartende Fischerei in den kubanischen Gärten der Königin. Nur einer aus unserer Reisegruppe nahm nicht an unserer regen Unterhaltung teil. Wo war Thomas? Er stand draußen, im Heck des Bootes, an die Reling gelehnt und sein Blick ging links am Bootsrumpf vorbei, weit hinaus in die Ferne. Von vorn blies ihm der Fahrtwind ins Gesicht und von schräg oben wärmten ihn die Strahlen der karibischen Sonne. Was ist los?, dachte ich. Warum sitzt er nicht bei uns, bei seinen Angelfreunden? Hat er Frust? Haben wir ihn geärgert? Erst später wurde mir klar, was Thomas da draußen machte. Er genoss es ganz still, „nach Hause" zu kommen. In „seine" Welt aus Mangroven, Inseln, Weite, Sonne und endlosem Wasser. Und er genoss es wohl mehrere Stunden lang, bis wir in unserer Hausboot-Lodge ankamen.

Thomas Michael (rechts) und Lothar Ponzer fahren zu den Jardines de la Reina in Kuba

Thomas hatte diese Tour für uns organisiert und wollte selbst nur filmen und fotografieren. Dafür stand ihm ein eigenes Boot mit Guide zur Verfügung, wir nannten es das „Kameraboot". Sein Guide hieß Leonardo. Ein hübscher Kerl, Mitte Zwanzig, mit einem strahlenden Lächeln und einem unglaublichen Ehrgeiz, was seinen Job als Angelguide - und jetzt als Kapitän des Kamerabootes -betraf. Thomas und Leonardo wichen während unserer Angeltage nicht von unserer Seite, fuhren mit dem Kameraboot hinter oder neben unseren Booten her, hielten gerade den richtigen Abstand, um unsere Fischerei nicht zu stören, aber alles in Film und Foto festzuhalten. Manchmal sah ich zum Kameraboot hinüber und dachte: Wie kann es sein, dass jemand, von dem man sagt, er sei einer der passioniertesten Salzwasserfliegenfischer, es tagelang ohne Fliegenrute in der Hand in diesem Traumrevier aushält? Na, da kann es ja mit der Passion nicht so weit her sein...

Thomas Michael filmt und fotografiert Mirjana und Arjelios bei der Jagd auf den Bonefish

Am zweiten Angeltag schlich ich neben meinem Guide Arjelios über ein holperiges Flat am Rand eines Riffplateaus. Besser gesagt, ich versuchte, zu schleichen. Der Grund aus uraltem, totem Korallengeröll war so tückisch, dass ich bei jedem Schritt aufpassen musste, nicht zu stolpern. Immer wieder stieß ich mit den Watschuhen an kopfgroße Felsen, rutschte mein Fuß in eine Felsspalte, steckte in einem kleinen sumpfigen Loch fest... es war schwierig, ja fast unmöglich, mit Arjelios Schritt zu halten auf der Jagd nach einer Schule Bonefish, die knapp außerhalb der Wurfdistanz vor uns an der Kante des Plateaus entlang zog. Thomas lief zunächst hinter uns. Er sah so komisch aus, mit seinen Kopfhörern über dem Cap, die zwischen ihm und der Videokamera baumelten und zusätzlich seiner Spiegelreflexkamera um den Hals. Zum Piepen. Dann konzentrierte ich mich wieder darauf, die Bonefish zu sehen und nahm Thomas nur noch aus den Augenwinkeln ganz am Rande des Geschehens war.

Erst später, als ich auf dem Boot ein paar Ausschnitte der Aufnahmen auf dem Display der Videokamera mit Thomas anschaute, wurde mir etwas bewusst: Thomas hatte die Rücken- und Schwanzflossen der Bonefish beim „Tailen" gefilmt - so nah war er den Fischen gekommen.
Er hatte Arjelios und mich auf diesem extrem schwierig zu bewatenden Flat einfach überholt, ohne dabei überhaupt auf den Grund schauen zu können, denn sein Blick war entweder direkt oder durch die Kamera auf die Fische gerichtet.

Dann ging ich eines Morgens mit Thomas auf das Kameraboot, weil wir ein paar bestimmte Einstellungen filmen und fotografieren wollten. Mein Angelfreund Michel hatte an diesem Tag unser Boot und Arjelios für sich allein und wollte sein Glück ganz in Ruhe auf Permit versuchen. Mir stand der Sinn danach, Tarpon zu fangen. Und es dauerte nicht lange, bis ich die ersten Chancen bekam. Ich konnte hintereinander mehrere Tarpon anwerfen, einer nahm auch die Fliege und schüttelte sie leider im Sprung ab. Es war eine unglaublich spannende Fischerei, bei der ich die Zeit und die Welt um mich herum vergaß. Leonardo erspähte die Tarpon nicht nur, wenn sie sichtbar an der Oberfläche rollten, sondern auch wenn sie für das ungeübte Auge nahezu unsichtbar unter dem glitzernden und flimmernden Wasserspiegel schwammen oder tief im Dunklen zwischen den Luftwurzeln der Mangroven umherzogen. Während Thomas mit der Kamera vor dem Auge neben oder hinter mir stand, sagte er mir ebenfalls oft, wo der Fisch gerade war, wo er hinschwamm und wohin man die Fliege am besten platzieren sollte. Gegen Mittag schlug ich meinen zweiten Tarpon an und diesmal saß der Haken, sodass ich nach einem begeisternden Drill mit endlos vielen Sprüngen einen wunderschönen Tarpon vom Haken lösen und releasen konnte.

Die kubanischen Guides haben den Tarpon fest im Griff

Videoaufnahmen mit der Unterwasserkamera von Mirjanas Tarpon

Mirjana Pavlic hält den mit der Fliegenrute gefangenen Tarpon noch einmal für ein schnelles Foto vor die Kamera

Zeit für eine Pause. Ich bot Thomas an, dass er mit meiner WINSTON Fliegenrute auch mal ein paar Würfe machen kann. Er nahm mein Angebot und die Fliegenrute an und stellte sich wurfbereit auf das Casting Deck. Ich hatte gar nicht richtig realisiert, dass er die Flugschnur für den Wurf schon von der Rolle gezogen und auf dem Deck verteilt, die halbe Keule der Flugschnur aus dem Spitzenring gezogen, das Vorfach mit der Wurfhand fixiert und die Fliege am Hakenbogen zwischen Zeigefinger und Daumen der linken Hand genommen hatte, während er auf das Casting Deck geklettert war. Der ganze Vorgang war eine einzige, flüssige und schnelle Abfolge von routinierten Handlungen, die wohl kaum mehr als zehn Sekunden gedauert haben mochte. Jetzt war mein Interesse geweckt und ich war gespannt darauf, zu sehen, wie Thomas fischen würde.
Konzentriert stand er da vorne in dem Boot, das Leonardo geräuschlos entlang eines Mangrovenwaldes stakte. Thomas sprach nicht. Ich konnte nur ahnen, wohin seine hinter den dunklen Gläsern der Costa del Mar Polbrille verborgenen Augen blickten. Plötzlich hörte ich das Geräusch einer durch die Luft zischenden Flugschnur, sah wie sie beim zweiten Vorschwung hinausschoss, sah wie die Fliege sanft auf dem dunkel erscheinenden Wasser über einem dichten Seegrasteppich landete und nur eine Sekunde später in einem Wasserschwall verschwand. Leonardo hatte bis zu diesem Moment nichts gesagt, keinen Hinweis auf einen Fisch gegeben, keine Wurfanweisungen erteilt. Doch jetzt rief er mit Begeisterung in der Stimme: „Perfect cast! Perfect cast, Thomas!" Ein Tarpon schraubte sich aus dem dunklen Wasser, überschlug sich in der Luft, klatschte ins Wasser zurück. In hohem Bogen kam die Fliege durch die Luft geflogen und landete an schlaffer Schnur wieder im Wasser. Der Haken hatte nicht gegriffen. Thomas grinste mich an, streckte mir die Fliegenrute entgegen und sagte: „So Mirjana, jetzt bist du wieder dran. Und, danke."
Noch am Abend auf dem Sonnendeck unseres Lodge-Bootes hörte ich, wie Leonardo seinen Guide-Kollegen mit leuchtenden Augen von dem „perfekten Wurf" erzählte.

Vorsicht und Präzision sind beim Watfischen auf den Flats der Schüssel zum Bonefish Erfolg

Die Fliege muss genau vor dem Bonefish landen

Mirjana Pavlic fing diesen schönen Bonefish mit einer Boron Fliegenrute von Winston, einer Abel Super Quickchange Fliegenrolle und einer Jim Teeny Salzwasser Flugschnur

Während der folgenden Angeltage in Kuba fischte Thomas nur selten. Doch immer war es ein Genuss, ihn dabei zu beobachten. Er fing mal schnell einen Bonefish wie „im Vorbeigehen", doch er freute sich darüber, wie ein kleines Kind. Wie verliebt er in „seine" Salzwasserfische ist, konnte man an seinen leuchtenden Augen sehen, wenn er einen Fisch in der Hand hielt und vorsichtig ins Wasser zurücksetzte. Leonardo hatte in den wenigen Tagen einen besonderen Draht zu Thomas entwickelt, dem Gringo aus Alemania, der schon mit der Fliege im Salzwasser gefischt hat, als Leonardo noch in den Windeln gelegen hatte. Auch wenn die beiden nur das Kameraboot waren und nur ganz selten zum Fischen kamen, so hatten sie eine sichtbar tolle Zeit miteinander. Geprägt durch eine Freundschaft, die sich nicht zuletzt darin zeigte, dass Thomas am Steuer von Leonardos Boot saß, wenn die beiden am Abend zur Lodge zurückfuhren.

Spaß muss sein, ganz bsonders wenn man an einem so wunderschönen Ort wie auf Kuba mit der Fkliegenrute unterwegs ist.

Während unserer Rückfahrt zum Festland stand Thomas stand wieder im Heck des Speed-Bootes. Stundenland. Ich wusste, dass er still Abschied nahm von „seinem Zuhause". Seiner Welt aus Mangroven, Inseln, Weite, Sonne und endlosem Wasser.
Ich freue mich sehr, Thomas Michael zu meinen Freunden zählen zu dürfen und besonders darüber, dass er uns und unseren Kunden bei FLYFISHING EUROPE für Fliegenfischerkurse und alle Fragen im Zusammenhang mit dem Salzwasserfliegenfischen zur Seite steht. Denn ohne jeden Zweifel ist er der passionierteste Salzwasserfliegenfischer, den ich kenne. Er hat Salz im Blut.